Zwei Leben für die Fotografie

15.01.2013 16:57 | Kategorie: Ausstellung

Lillian Bassman und Paul Himmel, New York, 2003. Silbergelatine? © Karin Kohlberg, New York

Eine halbe Stunde dauert der Film*. Eine halbe Stunde Fotogeschichte. Lillian Bassman und Paul Himmel blicken auf ihre Leben zurück. Es sind zwei gemeinsame Leben für die Fotografie. Sie blättern in ihren Katalogen, suchen sich ihre »Favorits« heraus. Lillian Bassman lächelt, verlegen, stolz und mit der Traurigkeit des Vergänglichen als sie beim Blättern in den Bildbänden eines ihrer Aktfotos aufschlägt: „Ja, das bin ich“, sagt die Dame mit der übergroßen schwarzen Brille. Sie ist, als die Filme-Macher das Interview führen, fast 90.

More Fashion Mileage Per Dress, Barbara Vaughn, New York, 1956. Kleid von Ficol. Neu interpretiert 1994. Abzug 2008. Platinotypie 51 x 66 cm © Lillian Bassman

Beeindruckend porträtiert der Ausstellungs-Film – einer von vier, die in der Ausstellung »Zwei Leben für die Fotografie – Lillian Bassman und Paul Himmel« im Leipziger GRASSI Museum für Angewandte Kunst zu sehen sind – zwei Jahrhundert-Fotografen. Fast 78 Jahre waren sie ein Paar, was Lillian etwa so zusammenfasst: „Wir haben uns das erste Mal gesehen, da war ich fünf und er acht – und er wollte mich umbringen. Deshalb wollte ich ihn nicht mehr sehen. Als wir uns das zweite Mal begegneten war ich 15 und er 18.“ – Sie verliebten sich. Und Paul gesteht, dass seine Lillian schön war – und er ihr dennoch erlaubt habe, als Aktmodell sich an der Art Students League anderen jungen Männern zu zeigen, die „alle verrückt nach ihr waren.“ Nicht nur diese sehr warmen Rückblicke der beiden in ihr Leben faszinieren in der Ausstellung im GRASSI. Vor allem sind es die Momentaufnahmen in die fotografische Arbeitswelt, die das Fotografenpaar authentisch ermöglichen.

It’s a Cinch, Carmen, New York, 1951. Wäsche von Warner’s. Silbergelatine 26,6 x 32 cm © Lillian Bassman

Paul erzählt über seine Hass-Liebe zur (Mode)Fotografie, sie, Lillian, über ihre Erfüllung, die sie in diesem Genre gefunden hat. Vor allem aber berichten sie, wie ihre Werke entstanden, wie sie experimentierten – er mit Licht und Bewegung, sie vor allem mit malerischen Verfremdungen ihrer Fotos während des Belichtungsprozesses der Filme. Sie sprechen über die Inszenierungen ihrer Bilder, über das choreographische Herangehen (Paul Himmel) beim Aufbau von Fotostrecken. Das fotografische Œuvre, das sie schufen, ist wohl auch deshalb so beeindruckend wie modern. Die große Retrospektive, die im GRASSI noch bis zum 3. März zu sehen ist, zeigt, wie das amerikanische Künstlerpaar Lillian Bassman (1917 –2012) und Paul Himmel (1914 – 2009) Fotografie revolutionierte und Fotografie-Geschichte schrieb. Etwa 460 Arbeiten sind in der Werkschau zu sehen, die die Leipziger zusammen mit den Deichtorhallen Hamburg / Haus der Photographie kuratierten. Doch auch die Zugaben aus dem Darkroom der Fotografen wie Pinsel und Retuschefarben, diverse Abschatter und das ausgestellte fotografische Equipment von der Kamera bis zum Filter erinnern uns, das Fotografie etwas mit Handwerk und Kunst zugleich zu tun hat. Dass beide Fotografen-Ikonen noch im hohen Alter über die Brücke von der Analog- zur Digitalfotografie fanden, ist nicht minder faszinierend. Bassman wie Himmel erzählen, dass sie von dem neuen Medium hingerissen sind, schwärmen von den Möglichkeiten heutiger digitaler Entwicklungstudios am PC, die vieles leichter machen als im Darkroom – „und zugleich auch nicht“, wie Paul Himmel einschränkt. Das Medium Computer haben sie im hohen Alter dennoch für sich nochmals mit Begeisterung ausgelotet.

Grand Central Station, New York, 1947. Silbergelatine 32 x 22,7 cm © Paul Himmel

Während Eleganz und Stilsicherheit das Werk von Lillian Bassman auszeichnen, ist es die Experimentierfreude, mit der Paul Himmel seiner fotografischen Zeit oftmals weit voraus war. Er rückte die Bewegung in das Zentrum seines Schaffens, die Unschärfe als charakteristisches Stilmittel. Er entschleunigte seine Bilder, in denen er Bewegungen während der fotografischen Aufnahme wie ein Choreograph stoppte. Seine Liebe zum Ballett – er wollte noch mit Mitte 20 selbst Tänzer werden, entsann sich aber nach ersten Probestunden darauf, dass dies zu spät sei – haben wir seine faszinierenden Tanzstudien (»Ballet in Action«, 1954) zu verdanken.

Fallender Schnee – Junge am Fenster, New York, 1952. Silbergelatine 26,1 x 33,5 cm, Keith de Lellis Gallery © Paul Himmel

Seine dokumentarischen Großstadtimpressionen sind berühmt und können beispielgebend für heutige urbane Großstadtfotografie stehen. Mit Über- und Langzeitbelichtungen formte er künstlerische Aufnahmen, die heute den Betrachter in ihren Bann ziehen. Zur Zeit ihrer Entstehung aber blieben Himmels »Nudes« unverstanden, worauf hin er über zwei Jahrzehnte lang der Fotografie entsagte und als Psychotherapeut seinen Lebensunterhalt verdiente. Erst in den 1990er Jahren findet er, der nie die öffentliche Anerkennung wie seine Frau erfuhr, zurück zu seinen fotografischen Arbeiten.

Nudes, New York, 1954. Silbergelatine 35,2 x 27,7 cm © Paul Himmel

Lillian Bassman ist im Gegensatz zu ihrem Mann, der die Modefotografie als Broterwerb betrachtete, mit Herz und Seele diesem Genre zugetan. Als freiberufliche Textildesignerin beginnt sie ihre berufliche Karriere. Sie besucht die Abendklasse für Modeillustration am Pratt Institute in Brooklyn, zeichnet. Alexey Brodowitch nimmt sie in seine Meisterklasse für Grafikdesign an der New School auf. Später wird sie seine Assistentin. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehören sie und Paul zur jungen, progressiven New Yorker Kunstszene. Als Art Direktorin des neu gegründeten Magazin Junior Bazaar beginnt sie, selbst zu fotografieren, fotografiert ihre erste kommerzielle Wäsche-Kollektion, 1949 zum ersten Mal die Haute Couture Kollektion für Harper’s Bazaar in Paris.

Barbara Mullen, New York, ca. 1958, neu interpretiert 1994. Platinotypie 65,5 x 51 cm © Lillian Bassman

Lillian Bassman schuf in ihrer Fotografie einen einzigartigen Stil. Ihre Schwarz-Weiß-Aufnahmen haben eine malerische Anmutung. In ihrer Dunkelkammer experimentierte sie dazu, wischte mit ihrem Finger, Wattebäuschen, Säuren weg, was ihr nicht gefiel. So entstanden Modefotos mit großzügigen Weißflächen, die ihre Modeporträts noch eindrucksvoller werden ließen. Sie schuf einen außergewöhnlichen, langgliedrig-schwanengleichen Frauentypus. Heruntergezogene Schultern, langgestreckte Frauenhälse – sie gibt zu, dass ihr die heutigen, mädchenhaften Models nicht zusagen: Sie zögen ihre Schultern hoch und versteckten ihren Hals, sagt sie. Außerdem seien sie heute 14, 15, 16 … Für sie müssten Models Frauen sein, um die 30 und mit einem eigenen Ausdruck.

Next to nothing Unbekanntes Modell, 1948 (alternative Version veröffentlicht in Junior Bazaar) © Lillian Bassman

In ihren letzten Lebensjahren arbeitet Lillian Bassman unermüdlich an ihrem fotografischen Werk, interpretiert manches ihrer früheren Werke nochmals neu, nicht zuletzt mit Hilfe digitaler Bearbeitungstechniken. Nur der Tod bietet ihr in ihrem Schaffen Einhalt. Vor einem Jahr starb sie. Im Februar 2012. Im gleichen Monat wie Paul Himmel, drei Jahre nach ihm.

Geblieben sind zwei faszinierende Menschen, Fotografen, Künstler. In der Werkschau in Leipzig ist uns ihr Schaffen lebendig gemacht.

 

* es handelt sich um den in der Ausstellung gezeigten Film:

Zwei Leben für die Photographie - Bassman & Himmel
Interview, Idee und Regie: Brigitte Woischnik.
Fire Island und New York, 2007.
Produktion: Preview Production München, 2010.
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GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig.
Johannisplatz 5-11
04103 Leipzig

www.grassimuseum.de

Die Ausstellung ist noch bis zum 3. März 2013 zu sehen.

(Ich danke dem GRASSI Museum für Angewandte Kunst für die Bereitstellung der Fotos zur Veröffentlichung in diesem Blog.)

Das Buch zur Ausstellung gibt es unter anderem hier:

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