Fotos vom Leben in einem Nicht-Ort

30.01.2013 17:57 | Kategorie: Bücher, Rezensionen

Wir erwarten Ihren Besuch. Die Doppeldeutigkeit des Spruchs auf einer Tafel vor einem Fensters mit Gitter (es war damals üblich, die Fenster zu Lagerräumen u. ä. zu »vergittern«) war nicht zu übersehen. © Siegfried Wittenburg

Es sind Bilder einer noch nicht vergessenen Zeit. Sie sind längst dem Auge entschwunden – und werden doch gleich wieder lebendig, wenn der Blick auf sie fällt. Siegfried Wittenburg eröffnet uns mit seinen Schwarz-Weiß-Fotos aus den Jahren 1980 bis 1996 Blick in ein Gestern, das in seinen Alltäglichkeiten schon fast vergessen oder durch die medialen und gesellschaftspolitischen Nachwende-Interpretationen geformt und genormt wurde.

Wittenburgs Fotos vom »Leben in der Utopie« indes sind dokumentarische Geschichtsbilder, die beim Leser und Betrachter je nach Grad eigener Erfahrung unterschiedlichste Emotionen, Gedanken, Szenen und Erinnerungen wach werden lassen. Es sind die letzten Jahre der DDR, die Tage der friedlichen Revolution und die Nach-Revolutions-Jahre, die der gebürtige Warnemünder und fotografische Autodidakt festgehalten und im Mitteldeutschen Verlag als Bild-Text-Band herausgebracht hat. Um genau zu sein: Es sind die besten Geschichten, die Siegfried Wittenburg im Zeitgeschichten-Portal von Spiegel-Online »einestages« veröffentlichte und die Bilder sind sein fotografisches Œuvre. So jedenfalls lässt es uns der Mitteldeutsche Verlag wissen.

Cover des Buches © Mitteldeutscher Verlag

Dem kann getrost zugestimmt werden. Die »ungeschönten, realistischen Einblicke in den sozialistischen Alltag«, wie Valeria Liebermann in ihrem Vorwort die Fotografien bezeichnet, lassen den Betrachter heute schmunzeln, entlocken ein »Ach, ja« oder »Oh, ja, das war wirklich so«. Sie schicken den Leser mit Ost-Erfahrung zurück in eine Zeit, in der dieser selbst über holzbretterne Stege riesige Pfützen überquerte und in denen er durch sein immer noch nicht fertig gebautes Neubaugebiet stakte, in der er in Gemeinschaft die Wäsche auf dem großen Wäscheplatz zum Trocknen an die Leine klammerte und in der er durch langsam zerfallende, graue Straßenzüge lief, vorbei an Schaufenstern voller Rotkohlgläser oder hochprozentiger Alkoholitäten und Auslagen, die dem Vorbeieilenden insbesondere im Vorfeld von Kampf-, Feier- und Parteitagen immer eine flotte Losung mit auf dem Weg durch den Sozialismus gaben. Genauso wenig fehlen in der Wittenburgschen Bildergalerie die langen Schlangen vor Gemüseständen, Kneipen und Schallplattenläden, Aufforderungen wie »Bitte warten. Sie werden plaziert!« an der Tür zu einer der HO-Gaststätten oder das Gebot, »Bitte Stuhl- und Tischordnung nicht verändern«. Bilder von den Maiaufzügen ziehen an uns vorüber und auf dem Ladentisch liegen sie, die »gespritzten Zitronen«. (Übrigens ein Begriff, den ich selbst schon längst vergessen hatte, der aber sofort mit all den damit verbundenen Gefährdungs-Botschaften in mir wieder erwachte und mich fragen ließ, wo das »gespritzt« heute überall stehen müsste … )

Schlangestehen nach einem Mangelprodukt in Jena. In der DDR waren Transparente mit politischen Aussagen allgegenwärtig. © Siegfried Wittenburg

Die Fotos von Siegfried Wittenburg sind spannend für jene, die die Zeit selbst miterlebt haben. Amüsant, na klar. Sie machen nachdenklich, allemal. Wie auch die westwärts der Elbe geborene Autorin des Vorworts wird der Leser West vor allem würdigen, dass der Fotograf damals mit seinen Fotos »immer wieder mit staatlichen Organisationen der DDR kollidierte«. Valeria Liebermann beschreibt dies detailliert. Ja, die Bilder entlarven tatsächlich, dass in der DDR Anspruch und Wirklichkeit nicht zueinander passten. Und es schon gar nicht gern gesehen war, dass diese »sozialistische Realität« so schonungslos in Schwarz-Weiß daher kam wie in den Fotos von Siegfried Wittenburg, wenn auch sonst genau dieses Farbspiel in der politischen (Klassen)Auseinandersetzung so geliebt war. Der präzise Blick Wittenburgs auf siechende Architektur, realsozialistische Alltäglichkeiten und Absurditäten oder aber auf andersdenkende gesellschaftliche Gruppen, wie sie sich zum Kirchentag 1983 in Rostock trafen, war unbequem, sollte ungesehen und vor allem undokumentiert bleiben. Für den Leser Ost sind die Bilder auch deshalb beste Erinnerungs- wie Lebensstücke zugleich. Ihr Wert liegt darin, Zeitzeugnisse zu sein, festgehaltene Geschichte(n), die den Betrachter zu einer eigenen Interpretation und Rückschau herausfordern und dazu, sich mit den Bildern auseinanderzusetzen, sich selbst zu befragen, vielleicht sogar, im eigenen Familienalbum zu blättern oder die »in der anderen Welt« selbst »geschossenen« Schwarz-Weiß-Aufnahmen und längst verstaubten Dia-Rahmen aus den Kartons zu kramen.

DDR Berlin, 1987, ein Polizist auf der Karl-Liebknecht-Strasse. © Siegfried Wittenburg

»Leben in der Utopie« überschreibt der Mitteldeutsche Verlag den Bildband, den der Fotograf mit eigenen Lese-Erinnerungsstücken textlich begleitet, die so manch Leser Ost zu seiner Geschichte machen wird. Nimmt man den Buchtitel wörtlich, so zeigen die Fotos ein Leben in einer Gesellschaft, die nur als Idee, als Gedanke, als Wunschtraum existierte, die ein Konzept und eine Vision blieb, so nicht ausführbar. Es war das Leben an einem Nicht-Ort. Mit seinen Fotos hat Siegfried Wittenburg diesem Gesicht gegeben.

Berlin Friedrichstrasse, 1987. © Siegfried Wittenburg

Weitere Informationen zu Siegfried Wittenburg und seinen Projekten gibt es hier.

Siegfried Wittenburg: Leben in der Utopie. Fotografien 1980-1996. Mitteldeutscher Verlag. 2012. 143 Seiten. ISBN 978-3-89812-881-0

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